
Peenemünder Hefte Nr. 3
Es ist kein Zufall, dass nach einem Leitfaden zur Ausstellung sowie einer Einführung in die Geschichte des historischen Ortes Peenemünde sich nun in der Reihe der „Peenemünder Hefte" die Thematik dem dunkelsten Kapitel zuwendet: Der Zwangsarbeit von Menschen vieler Länder Europas in den unterschiedlichsten Formen ihrer Ausbeutung bei der Entwicklung und Produktion des Aggregates 4, im goebbelschen Jargon später Vergeltungswaffe 2 (V 2) genannt. Zwar waren die in Peenemünde entwickelten Waffensysteme im Bereich des Heeres wie der Luftwaffe unter rein militärischem Aspekt weitgehend bedeutungslos, aber sowohl durch die Umstände ihrer Produktion wie durch ihren Einsatz wurden sie als Terrorwaffen zum Ursprung unsäglichen Leids. Als Propagandawaffen bzw. „Wunderwaffen" bildeten sie zudem ein Sinnbild für die Verbreitung einer verbrecherischen Weltsicht, die entscheidenden Anteil daran hatte, die deutsche Nation an den Rand ihres Unterganges zu führen.
In drei Beiträgen wenden sich die Autoren dieses Heftes damit verbundenen Fragestellungen zu. Dr. Hans Knopp gibt im einleitenden Beitrag einen Überblick über eine Reihe publizierter
Forschungsergebnisse zu Fragen der Kriegsvorbereitungen, ihrer Grundsätze und Ziele sowie darin eingebunden der Nutzung der Zwangsarbeit zur letztlichen Erreichung gesteckter imperialer Ziele. Dabei versucht er, diesen Komplex in den Gesamtrahmen der Kriegsvorbereitungen auf allen Gebieten, darunter eben auch von Wissenschaft und Forschung, einzubinden.
Ing.-oec. Manfred Kanetzi hat sich in jahrelanger Tätigkeit ein profundes Detailwissen um die soziale Lage und die Ausbeutung von Zwangsarbeitern in Peenemünde erarbeitet: Seine sehr detailreiche Studie liefert wesentliche neue Erkenntnisse über jene Form der Ausbeutung, die in den Erinnerungen vieler Zeitzeugen, darunter an erster Stelle der Memoirenliteratur von in Peenemünde tätig gewesenen Ingenieuren und Wissenschaftler häufig genug verdrängt oder beschönigt dargestellt wird.
Die für Peenemünde vorgesehene Serienfertigung der Kriegsrakete ließ sich bekanntlich infolge der Bombardierung durch die Royal Air Force im August 1943 nicht verwirklichen.
Das Peenemünder Museum ist besonders froh, dass Dr. Jens-Christian Wagner gewonnen werden konnte, einen Beitrag über die Serienfertigung der Kriegsrakete in den Stollen des Kohnsteins am Südrand des Harzes für dieses Heft beizutragen. Dr. Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora, ist Autor einer Vielzahl von Publikationen. Er hat sehr früh darauf verwiesen, dass das Geschehen im KZ Dora-Mittelbau von der Forschung und Entwicklung der Raketentechnologie in Peenemünde nicht zu trennen ist. Konkret weist er auf zahlreiche personelle und strukturelle Verknüpfungen zwischen den Stätten in Peenemünde und dem Südharz nach. Die „Produktion des Todes", so der Titel seines Werkes über das KZ Mittelbau-Dora, hat ihren Ursprung in den Forschungseinrichtungen und Laboratorien Peenemündes. Zugleich wies er immer wieder darauf hin, dass auch auf der Ostseeinsel der Einsatz von Zwangsarbeitern zahlreicher Länder und KZ-Häftlingen erfolgte, im Bereich der Luftwaffe sogar bis in den April 1945 hinein.
Mit diesem Teil des Peenemünder Heftes 3 wird ein wichtiger Punkt auch der regionalgeschichtlichen Forschung deutlich präzisiert. Dies wird u.a. auch deutlich durch die im Anhang beigefügten Liste von Häftlingen aus Konzentrationslagern in Peenemünde, die diese Lager nicht überlebt haben. Erstmalig können Sie namentlich benannt werden und erhalten auf diesem Wege „ein Gesicht", sie werden der
Anonymität entrissen. Interessierte Leser aller Altersgruppen, vor allem aber auch heranwachsende Menschen, Schüler, erhalten ein aussagekräftiges Material über die Herrschaft des Nationalsozialismus in einem sehr konkreten, heimatgeschichtlichen Rahmen.