
Durch die jüngsten Ereignisse in Nordafrika und in den arabischen Ländern erhalten die Bilder von Baalbaki eine verstärkte Aktualität. Geboren 1974 in Beirut siedelte Baalbaki 2002 nach Deutschland über um sein Kunststudium an der UdK Berlin zu beenden. Baalbakis Kindheit war überschattet von den libanesischen Bürgerkriegen, die bis 1990 andauerten. In sei- nen Werken untersucht er "die Zusammenhänge zwischen Erinnerung, Wissen und Imaginären und fordert unsere Wahrnehmung von Bildern heraus. in seinem Spiel mit Formen und Ähnlichkeiten zeigt der Künstler auf, wie unser Gedächtnis und gelerntes Wissen die Bedeutungen beeinflussen. die wir in ein Objekt hinein- legen".
Die Verweigerung der libanesischen Gesellschaft zur Aufarbeitung der Zeit der Bürgerkriege lässt die zeitge- nössischen Künstler und Schriftsteller nach eigenen Wegen der Verarbeitung kriegerischer Erlebnisse, der Geschichtsschreibung und Wahrheitsfindung suchen. In diesem Sinne stehen die Werke Baalbakis, insbesondere sein Wunderkammer-Projekt "Al-Buraq II", wel- ches zur Zeit im Berliner Georg-Kolbe-Museum präsentiert wird, in einem Kontext mit anderen libanesischen Künstlern wie beispielsweise Walid Raad mit seinem Projekt "The atlas group", welcher fiktionale Fund- stücke der jüngsten libanesischen Geschichte unter diversen Urhebernamen in das Archiv der "Atlas Group" einstellt und mit einer eigenen Systematik versieht.
Dagegen stehen die im Herrenhaus Libnow gezeigten Arbeiten von Mohamad-Said Baalbaki aus den Berei- chen Malerei und Grafik etwas vor den verschiedenen Projekten der fiktionalen Geschichtsschreibung und zeichnen sich durch eine tiefe Ernsthaftigkeit aus. Menschen sind abwesend in seinen Bildern; Koffer, Klei- dungsstücke und Stiefel türmen sich auf- und übereinander und "gewinnen eine Bedeutung, die weit hinaus- geht über ihre profanen Funktionen. Sie sind Sinnbilder des Lebens, das nicht mehr da ist, vergessen und von der Geschichte zurückgelassen".
Baalbakis Bilder ringen mit diesem Willen der Wiedergewinnung und Wiederherstellung des Lebens. Der Wille, "die Gespenster der Vergangenheit hinter sich zu lassen, erscheint verkörpert in einem kleinen Papier- boot, das in zwei Arbeiten -"City Limits" (2008) und "Boat" (2006-2007) - an den aufgetürmten Truhen und Koffern vorbeisegelt."
Der nichtkommerzielle "Slow Art Day" am 16. April ist eine willkommene Gelegenheit für die Ausstellungser- öffnung. Weltweit treffen sich an diesem Tag Kunstinteressierte in Museen und Galerien, um eine geringe Anzahl von Bildern intensiv zu betrachten und anschließend in der Gruppe über die Werke und das Erlebte, Empfundene und Gedachte zu diskutieren. Die Idee des "Slow Food" auf die Kunst übertragen - dies ist auch ein Ansatz der Galerie arte deposito, die nicht Werke für den schnellen und kommerziellen Kunstmarkt zeigen und anbieten möchte, sondern auf beständige Pflege, Weiterentwicklung und Weitergabe der traditio- nellen Handwerkstechniken in der Kunst Wert legt. Die Werke Baalbakis reihen sich mit ihrer Tiefgründigkeit in diesen Rahmen ein.
Die Ausstellung mit Werken von Mohamad-Said Baalbaki kann bis zum 13. Juni 2011 jeweils Mittwochs bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung besichtigt werden.